Roddy Doyle: Jazztime

Roddy Doyle dürfte einer der bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen irischen Autoren sein. Er wurde 1958 geboren und trat 1987 erstmals ins Rampenlicht, als er den Roman "The Commitments" veröffentlichte. Die Geschichte einer Dubliner Musikgruppe, die vor allem Soul spielt, ist durch die Verfilmung Alan Parkers weltberühmt geworden.
Im Jahr 2000 erschien sein Roman "Henry der Held". Darin geht es um den jungen Iren Henry Smart, der in den Wirren des irischen Bürgerkrieges 1922/23 zwischen die Fronten der Parteien gerät, als Mitglied der Irisch-Republikanischen Armee mehrere Morde begeht und schließlich nach Amerika fliehen muss. Seine Frau und seine Tochter bleiben in Irland zurück.
Roddy Doyle legt nun den zweiten Teil seiner auf drei Bände konzipierten Geschichte Henry Smarts vor. Das Buch trägt den Titel "Jazztime"und spielt in Amerika.
Es beginnt mit der Ankunft Henrys in New York, der Stadt, in der er ein neues Leben beginnen könnte, wenn er es denn wollte und man ihn ließe. Es sind die zwanziger Jahre. Amerika steckt mitten in der Prohibition und es ist nicht einfach, seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise zu verdienen.
Das stört Henry eigentlich nicht besonders, ist er es doch gewöhnt, sich eher außerhalb der legalen Pfade zu bewegen. So irrt er zunächst ziemlich ziellos durch die gigantische und unübersichtliche Stadt, arbeitet als Schnapshändler und Plakatträger. Er muss ständig auf der Hut sein, um sich in den genau abgesteckten Interessen-Claims der diversen Klein- und Großgangster nicht zu verirren. Da ihm dies trotzdem nicht ganz gelingt, macht er sich einige Feinde, die ihm sogar ans Leben wollen.
Seine Beziehungen, auch die zu Frauen, bleiben oberflächlich, lediglich sein Verhältnis zu einer immer nur "Halbschwester" genannten Frau ist etwas intensiver, geht allerdings auch über das Sexuelle kaum hinaus.
So zieht sich der Roman, der sehr dialoglastig ist (nicht immer zu seinem Vorteil), über ca. 170 Seiten dahin. Dann flieht Henry Smart nach Chicago, da die Zahl seiner Feinde in New York inzwischen doch recht groß geworden ist. Dort arbeitet er zunächst – man möchte fast sagen, wie es sich gehört – in einem Schlachthof. Doch schon bald ändert sich sein Leben. In den Clubs und Bars spielt der Jazz eine wichtige Rolle, und als Henry den jungen Louis Armstrong und seine Trompete kennen lernt, beginnt eine "wunderbare Freundschaft". Henry wird Louis' Bodyguard (würde man heute sagen), Armstrong selbst nennt ihn seinen "weißen Begleiter". Gerade in diesen Passagen des Romans wird deutlich, wie stark die Rassentrennung in den USA zu dieser Zeit war.
Was dann folgt, ist eher unwahrscheinlich und wirkt arg konstruiert, leitet aber zu den dichtesten Passagen des Romans über. Da Henry und Louis ziemlich abgebrannt sind, halten sie sich durch Einbrüche über Wasser. Bei einem dieser 'Brüche' trifft Henry "Miss O'Shea" wieder, die zufälligerweise die Mutter seiner Tochter und ihm von Irland aus nachgereist ist! Doch das romantische "revival" findet ein schnelles Ende, denn Henry muss Louis nach New York begleiten, da die Musik-Szene in Chicago keinen Platz für ihn hat.
Doch die Rückkehr nach New York ist für Henry äußerst problematisch, da dort immer noch sehr viele nicht sehr gut auf ihn zu sprechen sind. Als es so aussieht, als ob er den dritten Teil der Trilogie nicht mehr erleben würde, rettet ihn allerdings Miss O'Shea wie durch ein Wunder.
Der Schluss des Buches besteht daraus, dass die Familie Hobo-mäßig durch die Staaten trampt, dass ein Sohn gezeugt und geboren wird und dass Henry in einem gewagten Manöver, in dem er seinem Sohn das Leben rettet, ein Bein verliert. Am Ende ist er zwar dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, aber ein echter Ire lässt sich nicht unterkriegen, und deshalb ist auch der mittlerweile 45-jährige Henry Smart bereit weiter zu "kämpfen". So endet das Buch.
Roddy Doyles Roman ist insgesamt literarisch nicht überzeugend. Zu stark zerfällt er in seine Einzelteile, zu wenig ist der rote Faden ausgesponnen. Doyle wechselt zwischen verschiedenen Themen, ohne sich, wie es z.B. der Titel suggerieren mag, auf einen bestimmten Aspekt zu konzentrieren. Die Figuren sind insgesamt nur angerissen, lediglich Henry wird genauer herausgearbeitet.
Die langen dialogischen Passagen sind schwächer als die erzählerischen Teile des Romans. Hier allerdings gelingen Roddy Doyle teilweise spannende und ergreifende Effekte, wenn es z.B. um die Beziehung zwischen Henry und Miss O'Shea geht.
Hoffen wir also auf den dritten Band, der dann ja eventuell wieder in Irland spielen wird, vielleicht wird aus Henry Smart doch noch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Roddy Doyle: Jazztime. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Carl Hanser Verlag 2006. 480 Seiten. 24,90