Dick Gaughan: Outlaws & Dreamers

Wer Dick Gaughan noch nicht kennt (und es soll ja noch einige geben), der sei vornweg gewarnt: Mit einem bundesdeutschen Schulenglisch ist hier nichts zu machen. Denn Dick Gaughan ist Schotte, Schotte von Geburt und aus Überzeugung. Und ein linker Schotte dazu. Er sammelte im "britischen" Bergarbeiterstreik für die Bergarbeiter-Gewerkschaft und unternahm zu diesem Zwecke Konzertreisen – auch durch Deutschland.
Und Dick Gaughan ist ein exzellenter Gitarrist und Sänger. Gitarrenspiel und Stimme ergänzen sich wie bei kaum einem anderen zeitgenössischen Künstler, doch wer glatte Harmonien und eingängige Textphrasierung erwartet, ist hier vollkommen verkehrt: Mr. Gaughan zerfetzt, vernuschelt, überdehnt die Silben und zerhackt mit seiner Gitarre alles das, was ein bequemes Zurücklehnen und entspanntes Genießen fördern könnte. Heraus kommt dabei etwas, das einem bisweilen die Nackenhaare in die Höhe stehen lässt, so "schaurig schön" ist das Resultat. Egal wie man zu Gaughans bisweilen etwas "pädagogischen" Anliegen stehen mag – Eindruck hinterlässt er allemal.
Doch nun zur CD im Einzelnen: Es soll hier nicht jeder "Track" besprochen werden, einige "Highlights" sollen genügen.
Wer Woody Guthries Ballade "Tom Joad" von Guthrie selbst oder von Andy Irvine in den Ohren hat, wird denselben kaum zu trauen vermögen. Und doch ist das, was sich da unter Nr. 4 aus den Lautsprechern "quetscht", authentisch bis zurück zu Guthries Vorlage, John Steinbecks "Früchte des Zorns". Steinbecks Sympathie für die Outlaws unserer Gesellschaft ist in Gaughans Interpretation intensiv spürbar.
Wer Brian McNeills (dem einzigen zeitweiligen Begleitmusiker Gaughans auf dieser CD) "Strong Woman Rule Us All" in der Version des Komponisten kennt und begeistert ist, wird es bei Gaughans Interpretation sicherlich auch sein. Der lässt sich noch mehr Zeit als McNeill, und es scheint, als fließen McNeills Songwriter-Qualitäten und Gaughans Interpretationsfähigkeiten kongenial zusammen. Die beiden sind musikalisch – wie man so schön bei uns sagt – "ein Kopp un ein Arsch".
Kennt irgendwer noch Phil Ochs? Es ist höchste Zeit, ihn wieder zu entdecken. Und Dick Gaughan ist ein ausgezeichneter Führer. Er nimmt dem Ochs'schen "When I'm Gone" ein wenig von seiner "amerikanischen" Glätte, gibt ihm eine reflexiv nachdenkliche, bisweilen elegische Note. Phil Ochs "is gone but Dick Gaughan has to do it when he's here".
Wer Gaughan mal von einer "schmissigen" Seite kennen lernen will, sollte sich unbedingt Graham Moores "Tom Paine's Bones" anhören. Hans-Willi und mir gefällt es so gut, dass wir uns vielleicht an eine "artgerechte" Adaption machen.
Die Freunde alter schottischer Balladen werden an "Dowie Dens O Yarrow" ihre helle Freude haben. Mir ist niemand bekannt, der ein "schottischeres Schottisch" beherrscht als Dick Gaughan.
Wer wissen möchte, warum Gaughan diese CD aufgenommen hat, findet in dessen eigenem "Outlaws And Dreamers" einige Anhaltspunkte.
Mein persönliches Highlight dieser CD ist "The Yew Tree", eines meiner Lieblingsstücke der Battlefield Band. Doch was Dick Gaughan daraus macht, ist grandios: Reflexion schottischer Geschichte auf höchstem Niveau. Und wer wissen möchte, was Schottland bedeutet, sollte nicht versäumen, w i e Gaughan fragt: "My bonnie yew tree, tell me what did you see?"
Ein Wort noch zum Booklet: Äußerst löblich ist, dass a l l e Texte auf sechs Seiten untergebracht sind, etwas ärgerlich ist, dass alle Texte auf s e c h s Seiten untergebracht sind. Die Lesbarkeit wird durch fehlenden Zeilenumbruch nicht gerade erhöht, begrüßenswert ist der weiße, unbebilderte Hintergrund der Texte.

Dick Gaughan: Outlaws & Dreamers. Greentrax 2001. CDTRAX 222. 10.99
(bei: http://www.scottish-irish.com/html/index.html)